Ein noch immer recht neues und den allermeisten Vertretern meiner Generation unbekanntes Phänomen jugendlicher Internet-Kultur ist die Livestreaming-Plattform „Younow“ . Laut Eigendarstellung ist sie „der beste Weg, talentierte Broadcaster zu entdecken, Live-Streams zu sehen und mit Leuten auf der ganzen Welt zu chatten“ – wobei man „Broadcaster“ im Deutschen wohl besser mit „Selbstdarsteller“ als mit „Rundfunksprecher“ oder „Ansager“ übersetzen sollte.

Gestandene Medienerzieher (wie der von mir sehr geschätzte Günter Steppich) dagegen beschreiben Younow wie folgt: „Leider präsentieren sich dort zunehmend Kinder und Jugendliche, meist ohne Wissen ihrer Eltern, zum Teil sehr naiv und geben dort ihre echten Namen sowie weitere persönliche Daten preis. Sexuelle Anzüglichkeiten von Seiten der Zuschauer sind hier an der Tagesordnung.“ Die Netzpiloten beschreiben es anders: „YouNow ist wie reden mit sich selbst. Aber mit dem Unterschied, dass einem tausende anonyme Nutzer dabei zuschauen.“…

Zeit für einen Kurzbesuch.

Der Start sorgt gleich für den ersten Lacher: Eine Altersabfrage!

Wenn man nun tatsächlich „12 oder jünger“ anklickt, erscheint folgende Meldung:

Der weitere Zutritt ist (zunächst) verwehrt. Also öffnet man halt einfach einen anderen Browser und klickt auf „13 oder älter“ – schon ist man drin. Der Sinn solcher Altersabfragen will sich mir einfach nicht erschließen…

Zunächst präsentiert sich Younow als großes Argument für bessere Webcams: Die meisten Streams sind von absolut schauerlicher Video-Qualität – mal sehen, wie es inhaltlich so abgeht. Die „Trending Tags“ sind „#deutsch“, „#deutsch-girl“ und „#deutsch-boy“, und das mit Abstand wichtigste Thema scheint die aktuelle Platzierung in der Like-Hitliste zu sein: Auf #deutsch-girl freut sich „Jasmin1997“ über „so viele Follower wie noch nie“, und auch bei „Wakez“ geht es hauptsächlich darum, wer auf welchem Platz steht, und „DerTypMitDerPfeiffe“ will „noch 10 mehr Likes. Kommt schon!“, während er seine Wasserpfeife anraucht. Hm. Eher monothematisch, das Ganze.

Das ändert sich schnell bei der „Top-Broadcasterin“ der letzten 24 Stunden: Die 19-jährige YouTuberin Katja Krasavice beschreibt sich als „Plastic Barbie“ und wirbt mit ihrem freizügig zur Schau gestellten Körper offensichtlich auch hier sehr erfolgreich um Follower. In ihrem Top-„Moment“ teilt sie der Welt mit: „Ey, meine T***** sind so prall, Alter!“ und untermalt das ganze, indem sie ihre Brüste vor der Kamera knetet. Sexuelle Anzüglichkeiten von Seiten der Zuschauer sind hier tatsächlich an der Tagesordnung – aber in diesem Fall wohl auch gewollt. In seinen „Community Standards“ (also den Benimmregeln der Seite ) fühlt sich Younow verpflichtet, unter anderem auf Folgendes hinzuweisen:

„Users of all genders under the age of 18 must be fully clothed on camera. Any user under the age of 18 without a shirt may be subject to a suspension or permanent ban. Users of all ages may not expose genitalia in any way.“ und
„Users are not allowed to:

– Use vulgar, profane, or sexually explicit language on camera or in the chat.
– Display offensive or sexually explicit images on camera.
– Perform sexual or sexually suggestive acts, show sex toys onscreen, or dance in a sexually suggestive manner.“

Das hat Katja wohl eher nicht gelesen – und sonst wahrscheinlich auch so gut wie keiner (gibt’s ja auch nur in Englisch….). Ich klicke dann lieber mal weiter…

An Platz 2 findet sich „Jetpack Jay“, der in seinem „Top Moment“ äußert: „Hey, Du Sau, wo ist mein Armband?“. Ich kann auch hier wenig Sinn entdecken und gehe weiter… und weiter…

….um es kurz zu machen: Ich persönlich finde keinen Beitrag, der für den Rest der Welt irgendeinen besonderen Sinn ergeben würde. Muss ich als Vertreter der Ü40-Generation ja auch nicht, aber:

Ich wette, dass die Eltern fast aller Younow-„Broadcaster“ keinen blassen Schimmer haben, dass ihre Kids überhaupt hier sind und was ihr Nachwuchs hier so zeigt und von sich gibt. Man unterhält sich völlig offen und ungezwungen, und wähnt sich absolut unter sich… seid Ihr aber nicht! Die Pädophilen-Quote unter den Zuschauern mag ich gar nicht abschätzen, ehrlich.

Mein Tipp für Eltern von Younow-„Broadcastern“: Unbedingt mal reinsehen…


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