„Eat your own dogfood!“ sagen die Amerikaner, wenn es darum geht, selbst das zu befolgen, was man predigt oder die eigenen Produkte selbst zu nutzen. Da ich sehr befürworte, dass alle, die den leichten oder schweren Verdacht hegen, dass die digitalen Medien in ihrem Leben irgendwie überhandgenommen haben könnten, mal ein paar Tage abschalten, muss ich da auch selber durch. Auf geht’s – eine Woche ist doch kein Problem…

…oder?

Tag 0:

Die Vorbereitungen laufen. Ich gebe auf WhatsApp meiner Familie und engeren Freunden und Kollegen Bescheid, dass ich eine Woche „off“ bin und man mich aber gerne telefonisch erreichen kann. Alles, was ich mir gönne, ist ein 10 Jahr altes Dumbphone ohne Internet (Sony-Ericsson K750), das ich aus einer alten Schublade krame. Ich drucke viel aus, damit ich ein paar Tage auf Papier arbeiten kann.

Martin Seyer - photo taken by Martin Seyer

Sony K750i: Mit diesem 12 Jahre alten Knochen habe ich eine Woche überstanden. Ohne Internet.

Ich entdecke, dass mein Uralt-Handy doch gar nicht sooo undigital ist, wie ich gedacht hatte. Es hat schon eine Kamera (2.0 Megapixel!) und ich finde alte Fotos meiner Familie. Süß…aber halt: Das ist digital! Ich beschließe: Aus „Digital Detox“ wird „Internet Detox“. Schlimm genug.

Tag 1:

Los geht’s. PC aus, Smartphone aus. Ich merke: Das Ausschaltmenü meines Smartphones kenne ich gar nicht. Die letzten Jahre war es anscheinend nur dann komplett aus, wenn der Akku leer war…

Tag 2:

Keine Probleme. Ich vertiefe mich in Bücher – ich lese heute gleich zwei Stück komplett! Das habe ich noch nie geschafft. Abends stolz, auch wenn ich beim Lesen eine gewisse innere Unruhe bemerke: Ein Teil von mir will permanent ans Handy.

Tag 3:

Ich ärgere mich. Leichtes FOMO-Unbehagen („Fear of missing out“), gekoppelt mit der Sorge, dass sich gerade eine riesengroße Internet-Welle auftürmt, die nächste Woche nur zu Extra-Stress führen wird. Ich schiebe 1000 Dinge einfach auf, weil ich sie analog nicht einmal langsamer, sondern einfach gar nicht tun kann:

  • Ich kann nicht im Fitness-Studio anrufen, weil ich die Nummer nicht habe und nicht eben mal im Netz nachsehen kann. Tja, dann halt nicht…
  • Wenn ich in meinen Büchern bestimmte Begriffe oder Autoren nachschlagen will, so kann ich das einfach nicht tun. Lese ich normale Texte auf Papier inzwischen schon wie Hyper-Texte? Andererseits lese ich so pro Tag mindestens ein Buch – wusste gar nicht, dass ich das kann.
  • Meine Handschrift ist fürchterlich! Ich muss mich zusammenreißen, langsamer und „schöner“ zu schreiben, weil ich offensichtlich gewohnt bin, meine Gedanken einfach nur so in die Tastatur zu hacken (kann man ja später noch editieren…). Auf der anderen Seite zwingt mich diese Langsamkeit nach einer Weile auch dazu, mir genauer zu überlegen, was ich das eigentlich gerade aufschreibe. Ich bin mit den schriftlichen Ergebnissen sehr zufrieden (auch wenn ich sie später dann wieder abtippen muss…).
  • Beim Hinsetzen an meinen Büro-Schreibtisch nehme ich ab und zu die Maus in die Hand und warte, dass der Bildschirm angeht – obwohl der Rechner gar nicht läuft. Hab ich mir in 20 Büro-Jahren wohl so angewöhnt…
  • Die Zeit vergeht gefühlt nur halb so schnell! Während ein digitaler Tag normalerweise immer viel zu schnell vergeht, wundere ich mich ständig, wie früh es noch ist (und wie viel Zeit ich noch habe). Toll.
  • Im Free-TV kommt so viel Werbung, dass man keine einzige Sendung vernünftig zu Ende sehen kann. Hier sorgt das Internet (sofern man einen Netflix- oder Amazon-Prime-Account hat) tatsächlich einmal für weniger Werbung und damit für mehr Klarheit.

Fühle mich wie amputiert. Verkrieche mich in meine Bücher.

Tag 4 Abends:

Meine Frau ist beim Tango, die Kids sind im Bett, und mir wird langsam klar, wie stark auch meine Freizeit digital überfrachtet ist. Bildschirm (Tablet), Bildschirm (PC), Bildschirm (TV) – oft auch nach neun oder zehn Stunden Bildschirm in der Arbeit (!).

ABER: Ich habe heute mit meinem großen Sohn (15 Jahre) Schach gespielt! Das erste Mal überhaupt! Er hat sich nach einiger Überlegung seines gelangweilten Vaters erbarmt. Das wäre ohne meine „Digital-Detox“-Woche garantiert nicht geschehen…

Tag 6:

Ich zähle schon die Stunden. Ich wette, mein Smartphone platzt, wenn ich es das erste mal seit einer Woche wieder anschalte. Gleichzeitig habe ich auch gelernt, etwas Abstand zu nehmen und meine täglichen digitalen Gewohnheiten (oder Unarten, je nach Blickwinkel) etwas zu hinterfragen.

Tag 8:

Geschafft! Ich stürze mich gleich in der Früh in die digitale Flut. Eine SZ-Interview-Anfrage verpasst, aber sonst war’s gar nicht so viel wie befürchtet (oder erhofft?). Inzwischen schätze ich aber die gewonnene Ruhe so sehr, dass ich am Handy alle Benachrichtigungstöne ausschalte – so wie auch am PC die Mail-Benachrichtigung von Outloook. Ich nehme mir vor, nur noch dreimal am Tag meine Nachrichten zu checken: Das erste Mal in der Früh im Büro, das zweite Mal nach dem Mittagessen und das dritte Mal eine Viertelstunde vor Arbeitsende. Das muss einfach reichen.

Habt Ihr auch schon Erfahrungen mit eine digitalen Fastenkur gemacht? Wie lange habt Ihr’s ausgehalten?

Kategorien: Digitale ChancenHandy-Sucht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.